September 30, 2021

Karl-Heinz Ott: Anarchie

Karl-Heinz Ott: "Rausch und Stille. Beethovens Sinfonien"

Die menschliche Urangst vor dem Chaos. Karl-Heinz Ott ordnet in seiner Lesung „Rausch und Stille“ Beethovens Musik in ihren sozio-historischen Kontext ein. Dass die Werke des Komponisten Namen wie Schicksalssinfonie, Mondschein- oder Waldsteinsonate tragen, ist kein Zufall. Allerdings hat er die meisten davon nicht selbst benannt. Reine Instrumentalmusik war zur Zeit von Haydn, Mozart und Beethoven radikal modern.

Musik der Pferdeställe

Im Ettlinger Casino nimmt uns Karl-Heinz Ott mit auf einem Ritt durch die Musikgeschichte. Vom Aufbau von Beethovens Sinfonien bis zum philosophischen Krieg gegen die Instrumentalmusik: Ott inszeniert sich als versierter Erzähler und leidenschaftlicher Spieler am Flügel.

Im 18. Jahrhundert standen viele Komponist*innen in einem kirchlichen oder höfischen Beschäftigungsverhältnis. Zu Zeiten von Beethoven gab es weder Konzertsäle, Orchester noch den Einsatz von Blechblasinstrumenten in Innenräumen. Instrumentalmusik diente lediglich als Intermedium für Gesang, Tanz oder als Zwischenmusik. Dass der späte Mozart oder Beethoven kaum Sänger*innen und dafür erstmals Horn und Klarinetten in ihren Werken besetzten, attestierte ihnen die 1798 erschienene Allgemeine Zeitschrift für Musik als vulgär und barbarisch. Zwar kamen Blechblasinstrumente als Repräsentationsmusik im Freien zum Einsatz, allerdings galten die Werke deutscher Komponisten, die die feine Innen- mit der starken Außenwelt verflochten, in Frankreich lange als „Musik der Pferdeställe“.

Dekadenz und Unruhen

Reine Instrumentalmusik, ohne textliche oder gesangliche Begleitung beschreibt Immanuel Kant als entleert. Besonders der Philosoph Robespierre sah in Beethovens Musik ein aufwühlendes Zeugnis von Dekadenz, die den Menschen von sich selbst und von der Welt entfremdet. Der russische Autor Tolstoi forderte sogar deren Abschaffung: Die Musik löse Unruhen aus und lasse den Menschen mit diesen allein.

Reine Instrumentalmusik, und noch allgemeiner gesprochen Dinge, die nicht in Worte zu fassen sind, lösen eine Dissonanz im menschlichen Kontrollbedürfnis aus. Was nicht begreif- oder analysierbar ist, entflieht in den anarchischen Urzustand, auf dem die Realpolitik das Gerüst von Gesellschaft und Staat aufgebaut hat. Man stelle sich Instrumentalmusik ohne Titel vor: Alle Zuhörenden hätten unterschiedliche Bilder und Assoziationen im Kopf. Auf eine allgemein gültige Interpretation, die vom Mehrheitskonsens legitimiert würde, wäre nicht möglich.

Aufklärung

Auch wenn das aufgeklärte Publikum des 21. Jahrhunderts nicht mehr in die Kirche geht, so existiert noch immer das Bedürfnis nach transzendenter metaphysischer Erfahrung. Menschen suchen die Andacht im Konzertsaal. Victor Hugo sagte, dass mit Beethoven „das Kuriose das Schöne“ ablöst. Für den Philosophen Edmund Burke umfasst Schönheit die Symmetrie und Sinnlichkeit des Lebens. Das Interessante, das Erhabene, das Beethovens Musik entspringt, sei dagegen maßlos. Das Erhabene entführe ins Grenzenlose und „erschlägt einen wie einen Berg“. Gott, Tod und Unendlichkeit erklingen aus der Ambivalenz und dem Erschrecken, die die Musik von einem der größten europäischen Komponisten bis heute auslösen.  

Die sozio-kulturelle und historische Einordnung der Musikgeschichte lehrt uns Folgendes: Manche Komponist*innen bzw. Künstler*innen genossen zu Lebzeiten einen deutlich geringeren Berühmtheitsgrad als heute. Dass andererseits den erfolgreichsten Musiker*innen Europas heute nicht annähernd die gleiche Aufmerksamkeit wie damals zukommt, verdeutlicht das Beispiel des Komponisten Jean-Philippe Rameau. Auch wenn Liszt darauf hinweist, dass die Zuhörenden programmatische Musik benötigen, kommt es mitunter vor, dass Werke durch unterschiedliche Übersetzungen in andere Sprachen dennoch unterschiedliche Bilder hervorrufen und so den anarchischen Urzustand nur bedingt überwinden.

5 Fragen an Karl-Heinz Ott

Was würde Beethoven eigentlich heute machen?

„Er würde heute wahrscheinlich in einem Tontechnikerstudio arbeiten, wie es viele Komponisten machen, die oft gar nicht mehr mit richtigen Instrumenten arbeiten. Er wäre wahrscheinlich so maßlos überfordert mit dieser Welt wie jeder der damals gelebt hat. Vielleicht würden wir es nicht einmal mehr als Musik empfinden, was da passiert.“

Was würden Sie gerne einmal zu Beethoven sagen (vorausgesetzt er wäre nicht taub)?

„Er nutzte Konversationshefte, da hat er reingeschrieben. Ich glaube ich wäre so verschüchtert, dass ich bei jeder Frage denken würde, was er denken würde. Ich würde wahrscheinlich fragen: Wie geht’s?“

Seit wann spielen Sie Klavier?

„Ich habe mit 9 Jahren angefangen Klavier zu spielen und habe sehr lange täglich vier bis sechs Stunden gespielt und geübt. Bis ich ungefähr 16 Jahre alt war, war mir klar, ich will Musiker werden. Dann wurden die Bücher immer wichtiger, oder mindestens gleich wichtig. Am Theater habe ich jahrelang als Musiker gearbeitet. Jetzt mache ich keine Musik mehr, aber ich habe den Wechsel zur Literatur nie als einen grundsätzlichen Wechsel gesehen, denn literarisches Schreiben ist auch eine große Rhythmusfrage, eine musikalische Frage, der Tonlage und Stimmungsabfolgen. Das Ganze ist grundsätzlich nicht fern von der Musik.“

Hören Sie auch zeitgenössische Musik?

„Beim Autofahren. Früher habe ich auch Bands gehabt und Jazz gespielt. Ich habe damals sogar das Schullandheim geschwänzt mit der Begründung ich sei krank, weil Pink Floyd in München im Olympiastadion gespielt hat. Morgens bin ich mit dem ersten Zug hingefahren und habe den ganzen Tag vor dem Eingang verbracht, um nah an der Bühne zu sein.“

Welche von Beethovens Sinfonien sollte es unbedingt in meine Spotify-Klassik-Playlist schaffen?

„Die dritte. Oder die siebte! Die ist wahnsinnig aufwühlend! Die reißt einen total mit. Die hat eine längere ruhigere Einleitung, aber wenn die drei Minuten vorbei sind, das ist Rockmusik!“

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