Juni 29, 2021

Harald Hurst: Mundart Extinction Rebellion

Mittlerweile gehört er zu Ettlingen wie der Kater zum Besäufnis, das Fahrwasser zum Jet, die Faust zum Auge oder der Dürresommer zum Klimawandel. 

Dass dem nicht schon immer so war (bezogen auf ersteres wie letzteres), wissen womöglich nur noch wenige Ettlinger*innen. Harald Hurst, seinerseits wohl erfolgreichster Mundart-Dichter Baden-Württembergs, ist nämlich in der badischen Landeshauptstadt Karlsruhe aufgewachsen. Erst durch die verheißungsvollen Lockungen einer Frau, kam Hurst vor über 15 Jahren in die Alb-Stadt. Wohlgemerkt, es gibt schlechtere Gründe für einen Ortswechsel. Obschon die Frau Ettlingen wieder den Rücken zugewandt hat; so ist er standhaft geblieben und schlägt seitdem Wurzeln in der, wie er sie liebevoll nennt, Provinz. Mit Mundart und Schelm mischt der freie Autor seit über vierzig Jahren die regionale Kulturlandschaft auf.

»Seit ich schwätze g’lernt hab / in dem Land / kann ich sage / was ich denk.«

Berücksichtigend, dass die badische Sprache literarisch vornehmlich im hiesigen Dreiländereck aufgearbeitet wird, lassen sich im Folgenden unverkennbar zwei Dinge feststellen: Einerseits, dass Hurst eine Ikone seiner Zunft ist, und andererseits, dass Mundart Gefahr läuft auf dem Seitenstreifen der Kulturlandschaft zu verenden. Mundart Extinction Rebellion. Später dazu mehr.

"Moin Moin" - Morgen früh, wenn Gott will

Um erstmal nicht auf dem Trockenen zu sitzen, wird für das tête-à-tête an diesem Nachmittag ein feiner Rotwein ausgeschenkt. Auf Einladung des Kulturamts Ettlingen sitzen die beiden Autoren Harald Hurst und Matthias Kehle auf der Alb-Mauer und führen Konversation. Ein Thaddäus-Troll-Preisträger interviewt den anderen. Sonnenstrahlen verfangen sich im Weidengeäst und das Geplätscher der Alb konkurriert mit dem Lärm, der von der Langzeitbaustelle am Markt herüberweht. Das allabendliche Rathaus-Glockenspiel gibt „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“ zum Besten, ganz nach Hursts Motto: Alles Zukünftige ferner der nächsten Buchveröffentlichung obliegt offener Spekulation.

Seit dem pandemischen Ausbruch im vergangenen Jahr sind die öffentlichen Auftritte beider Autoren rar geworden. In fetten Jahren nahm Hurst an über hundert Veranstaltungen teil. Dass Mundart, wie bereits erwähnt, vor allem regional floriert, kommt ihm wohl insofern entgegen, als dass er weniger weit reisen muss. An die Abstandsregeln hat er sich besser gewöhnt als an den Baustellenlärm und lacht: Sowieso, wer wolle ihm körperlich näherkommen als 1,5 Meter? Die nun freie Zeit lässt den „Badener des Jahres 1994“ jedenfalls nicht in Unproduktivität verharren. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft könnte sein neues Buch in den Läden erscheinen. Dafür vereint Hurst, der auch bereits erfolgreich drei Theaterstücke mit dem Karlsruher Sandkorn-Theater realisiert hat, neben Mundartprosa und Lyrik auch dramaturgische Dialoge.

„Mittenanner schwätze“ - Geschichten über Jedermenschen

Es mag wohl überraschen, doch in Ettlingen existiert (noch immer) eine ganze Mundart-Szene. Weil die Mundart, laut Hurst, jedoch mitunter zu Volkstümlichkeit und Inhaltsleere neige, sind nicht alle seine Texte im Badener Dialekt verfasst. So sitzt er nach wie vor an seiner elektrischen Schreibmaschine und sinniert mal satirisch, mal schwermütig über das alltägliche Leben. Dass Ettlingen dabei Quelle seiner Inspiration sei, ist übertrieben. Schließlich bestehen die Tage in der Kleinstadt vornehmlich aus kleinbürgerlichen Ritualen und Regelmäßigkeiten. Zum Erfolg von Hursts Kunst gehört es dennoch, dass sich Leser*in und Publikum in seinen Geschichten über Jedermenschen wiederentdecken können.

»Heimat isch dort, wo aim d’Leut so gut verschteh’n, dass mer manchmol scho beim Schwätze merkt, s’wär besser g’wese, mer hätt’s Maul g’halte.«

Lebensnähe demonstriert auch die Biografie des Autors, der mit fünfzehn Jahren bereits zur See gefahren ist. In diesem Alter zwischen Rotterdam, Brasilien und der Karibik zu verkehren, erscheint heutzutage (auch aus legaler Perspektive) fast unmöglich. Jedenfalls verbrachte Hurst zwei Jahre als Matrose auf dem Atlantik, bevor er wohl gleichsam erfahrungsreicher als auch desillusionierter ins Ländle zurückkam. Das elfjährige Lehramtsstudium in Mannheim und Heidelberg absolvierte er mit dem zweiten Staatsexamen in Anglistik und Romanistik. Allerdings entschied das Bildungswesen anschließend ohne Hurst auszukommen, der sich, wie er sagt, ohnehin nicht als klassische Lehrkraft sehen konnte. Seit 1980 verfolgt der Lebemann deshalb einen anderen Bildungsauftrag. In mittlerweile über ein Dutzend Büchern macht er seinen Landsleuten die badische Sprache literarisch schmackhaft. Die „Mega-live-Events“, von denen er über dreihundert gemeinsam mit Entertainer Gunzi Heil absolviert hat, führten ihn bereits auf die Theaterbühne von Das Fest. Damit es sich auch als freier Autor „mehr recht als schlecht“ leben lässt, darf ein guter Tropfen bei solchen Veranstaltungen nicht fehlen. Pause für das Publikum bedeutet: Die erste Flasche ist leer. Eine interessante Statistik wäre wohl die Anzahl der Flaschen Rotwein, die im Verlauf dieser unzähligen Veranstaltungen geflossen sind. Daran, dass er aber auch ernst kann, erinnert sein langjähriger Kollege und Freund Matthias Kehle. Während einer Mahnwache gegen den Golfkrieg etwa, rezitierte Hurst in der Ettlinger Marktpassage Protestgedichte.

Auch wenn sich Hursts Veranstaltungen großer Beliebtheit erfreuen und regelmäßig in kürzester Zeit ausverkauft sind, stellt der Mundart-Dichter fest, dass viele junge Menschen bestimmte Begriffe nicht mehr verstehen können. Demographisch macht er rund ¼ seiner Zuschauer*innen als junges Publikum aus. Allerdings zählt Hurst auch alle Menschen unter 35 Jahre zu dieser Kategorie.

Vom Aussterben deutscher Dialekte

In den vergangenen dreißig Jahren hat sich der Sprachgebrauch in Deutschland stark verändert. Auch in „dialektresistenten“ Regionen wie Bayern oder Baden-Württemberg übernehmen viele Kinder nicht mehr die Dialekte der Eltern-Generationen. Anders als in der Schweiz, vereinheitlicht sich der Sprachgebrauch mit starker Orientierung am Hochdeutsch. Gründe für das Aussterben von nicht-dominanten, kleinräumig-verbreiteten Sprachformen sind unter anderem auf die zunehmende Mobilität und Urbanisierungsbewegungen des vergangenen Jahrhunderts zurückzuführen.

Zwar haben sich die Länder mit der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen zu deren Erhalt verpflichtet, allerdings scheint die Umsetzung unzureichend vorangetrieben zu werden. So ist der norddeutsche Bevölkerungsanteil, der Plattdeutsch spricht, in den letzten zwanzig Jahren um fast die Hälfte auf 700.000 Menschen gesunken.

Als Ziel der EU gilt, dass Kinder mindestens drei Sprachen erlernen: Die Muttersprache, eine Fremdsprache und eine Regionalsprache. Dass Dialekte stark mit der Suche nach regionaler Identität verknüpft sind, zeigen aktuelle Modellprojekte in Hamburg und Schleswig-Holstein, in deren Rahmen Platt-Deutsch als Schulfach integriert werden soll. Neben der Re-lokalisierung von traditionellen Dialekten können Sprachforscher*innen allerdings auch feststellen, dass sich neue Dialekte in städtischen Ballungszentren wie Berlin (Kiezdeutsch), Wien oder dem Ruhrgebiet entwickeln.

Mit dem sprachlichen Wandel verändert sich auch die Kulturlandschaft. Sprache, Medium und Kunstform obliegen heute stärker dem Einfluss von Migrationssprachen, Anglizismen oder Stadtdialekten und neuen dichterischen Kunstformen wie Rap oder Poetry Slam. Digitale Formate wie Podcasts, Instagram und Online-Blogs generieren darüber hinaus Plattformen mit gesamtgesellschaftlicher Reichweite, die sich nicht mehr nur auf jüngere Menschen konzentrieren.

Das Aussterben der deutschen Dialekte demonstriert das Dilemma, in dem sich eine nationale und sprachliche Vereinheitlichung und die Souveränität förderalistischer und regional-sprachlicher Vielfalt befinden. Das Überleben der Mundart-Dichtung wird künstlerische Herausforderung kommender Jahrzehnte bleiben.   

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