Dezember 14, 2021

Axel Hacke: Sprachland

In jedem Sprachraum lassen sich Wörter entdecken, die nicht übersetzbar sind. Ausschließlich in ihrem eigenen phonischen Gehege entfalten Wörter wie Schadenfreude, Dreikäsehoch oder Weltschmerz ihre Sinnhaftigkeit. Der Akt des Übersetzens, ähnlich dem Klonen von Phrasen in eine andere Sprache, birgt das Risiko der Mutation. In „Sprachland“ geht Axel Hacke auf eine linguistische Expedition. Der Kolumnist und Autor klassifiziert und konserviert Wortanomalien, Fantasie- und erfundene Wörter, Falschübersetzungen, Missverständnisse und orthographische Abweichungen.

Kennen Sie das Partnerschafts-Passiv?

Scheherazade und Axel Hacke eint die Ausdauer. In über 1001 Kolumnen der Süddeutschen Zeitung erzählte der Autor seinen Leser*innen aus dem (semi-) fiktiven Alltagsleben einer deutschen Durchschnittsfamilie. Die Kunst, bestimmten Phänomenen oder Strukturen, die in ihrer Allgegenwärtigkeit oder Banalität bereits den Stempel des fast Naturgegeben tragen, eine neu-perspektivische Aufmerksamkeit zu schenken; und wider aller vorherigen Verdauungsprozesse neu aufzubereiten; machen Hacke zu einem Meister seines Fachs. Haben Sie etwa schon einmal von Persönlichkeitscharakteristika im menschlichen Gang oder dem Partnerschafts-Passiv gehört? Sie wissen schon: „Die Pflanzen müssen gegossen werden“, „man könnte das Altglas wegbringen“, oder „jemand sollte endlich die Kinder abholen“.

Flachdach für meine Seele

Neben Kolumnen, die er dem Ettlinger Publikum häppchenweise serviert, hat Hacke sein neuestes Buch mitgebracht: „Im Bann des Eichelhechts und andere Geschichten aus Sprachland“.

Friedemann Schulz von Thun, auf den das „Vier-Seiten einer Nachricht“-Modell zurückgeht, würde wohl attestieren, dass viele Menschen hören, was sie nun einmal verstehen wollen. So sinniert Hacke über die Deutungshoheit von „Du bist das Flachdach für meine Seele, wenn ich mich nachts im Dunkeln quäle. Es tobt der Hamster vor meinem Fenster“ aus dem berühmten Ich + Ich-Lied „Pflaster“ von 2009. Hacke, der einen monatlichen Rundbrief aus dem Büro schreibt, hat sich ein Netzwerk aus Laien-Forscher*innen aufgebaut. Seine Leser*innen sammeln, werten aus und kontextualisieren Wortneuschöpfungen und Lyrik ohne Absichten, über die sie in ihrem Alltag stolpern. Ihre ethnologischen Entdeckungen aus Gebrauchsanweisungen, Stellenausschreibungen, Kleinanzeigen oder neuerdings Coronatest-Anmeldezetteln teilen sie mit Hacke via Mail. Kostprobe gefällig? „Abzugeben: Tennisschlägerbeseitigungsmaschine“, „Bitte einzelnd in das Testzelt eintreten“ oder „Verzehrempfehlung bei Burger-King: Vor dem Essen Schachtel öffnen“. Besonders Speisekarten werden zum skurrilen Forschungsobjekt der Übersetzungs-Jäger*innen. Spezialitäten wie die Ochsenschwansuppe, der Tinderfisch, der Kaiserschwan (Kaiserschmarrn) oder Kotze al inferno faszinieren durch ihre kulinarischen Interpretationsmöglichkeiten.

Das kolumnistische Manifest

Rätsel ist der Kern von Sprachland. Besonders Kinder und alte Menschen sind laut Hacke meister*innenhaft darin, Fantasiewörter zu erfinden. Der Drachenumzug in München enttäuscht, wenn anstatt Fabelwesen Trachtenträger*innen aufmarschieren. Wieso vergraben Indianer*innen (Native Americans) ihren Grießbrei? Missverständnisse sind die Massenware des Alltags. Hacke bedauert Buchhändler*innen und Bibliothekar*innen. Wie oft wenden sich wohl Kund*innen an sie auf der Suche nach falsch gemerkten Titeln? In welcher Abteilung finde ich denn bloß „Mein Name sei Gallenstein“ oder haben Sie „Kotz von Brechlingen“ auf Lager? In der Hoffnung einmal mit Karl Marx verwechselt zu werden, hat Axel Hacke 2015 „Das kolumnistische Manifest“ veröffentlicht.

Beim Spracherwerb sind wir alle Kinder

„Beim Spracherwerb sind wir alle Kinder“, sagt Hacke. Menschen, die ihm attestieren, er und seine Leser*innen würden sich lustig über Menschen machen, deren Sprach- und Schreibkompetenzen aufgrund von Alter, Herkunft, Bildungsstand oder Behinderungen eingeschränkt sind, wirft er Angst vor. Angst vor Fehlleistungen, dem Falschmachen und politisch korrekter Sprache. Sein Lachen gälte dem Schöpferischen, nicht dem Regelhaften; dem Lebendigen, nicht dem Verhindernden.

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