September 26, 2021

Elke Heidenreich: Wie viel Kleidung braucht der Mensch?

Gehen Sie an Ihren Kleiderschrank! Zählen sie die Wäschestücke (Strümpfe und Unterwäsche nicht mit eingerechnet) und vergleichen Sie:

Während die Durchschnittsdeutsche 118 Kleidungsstücke besitzt, verfügt ihr männliches Pendant über 73 Wäscheteile. Vom Alter ist die Anzahl unabhängig. Allerdings gilt es ein (klassisches) Ost-West-Gefälle zu berücksichtigen: 95 zu 83 im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt. Geschafft? Auf welche Zahl kommen Sie?

Elke Heidenreich: "Männer in Kamelhaarmänteln"

Wie viel Kleidung Elke Heidenreich besitzt, ist nicht bekannt. Dass es eine Vielzahl an aufgetragenen, geschenkten, geborgten und nie wieder zurückgegebenen Teilen sein muss, lässt zumindest ihre Lesung bei den Literaturtagen vermuten. In der Schlossgartenhalle empfängt sie das Publikum mit Jubeln. Ihr Buch „Männer in Kamelhaarmäntel“ kommt gut an und der Auftritt in Ettlingen ist nicht der letzte Halt im Südwesten der Republik. Der Wein ist kühl und die Autorin zu Scherzen aufgelegt: „Sie müssen nicht immer klatschen, aber ich halte es aus!“

300 DM

Zweimal 45 Minuten liest sie Kurzgeschichten vor, die die rein visuelle und materielle Beschreibung von Kleidungsstücken entflechtet. Ihre Geschichten umarmen Beziehungen, die physische Erfahrung, Erinnerungen, Gefühle und Gerüche, die wir mit Kleidern assoziieren. Situative Erlebnisse werden durch Kleidungsstücke bestimmt, inszeniert oder personifiziert.

Heidenreichs Geschichten erzählen vom Kölner Karneval, den Salzburger Festspielen, Heinz Rühmann, Susan Sonntag und dem Kater Nero Corleone, dem Titelhelden von Heidenreichs erstem Erfolgsroman. Umkleidekabinen, Straßenstände und Antiquariate werden zu Handlungsräumen konstruiert. Im Fischgrätenmantel hängt noch immer der Nelkengeruch der toten Mutter. Bei der Haushaltsauflösung findet die Tochter 300 DM, die die Mutter in Schuhkartons, Hosen- und Jackentaschen vergaß. Auf amüsante und doch sensible Weise entsinnt sich Heidenreich Klamotten, die wir als Jugendliche zu ersten Dates trugen, mit Menschen, deren Namen wir längst vergessen haben. Kleidung, die man leiht; Klamotten, die man klaut und die ganz besonderen Stücke, die sogar noch zerrissen und mit Mottenlöchern getragen werden.

Coco Chanel

Eine Kurzgeschichte handelt von Coco Chanel. Modeschöpferin und Visionärin, der Heidenreich ein Denkmal baut. Eine Revolutionärin, die das Korsett verbannte und den Modeschmuck erfand. Mode, die von berufstätigen Frauen getragen wurde, und Ikonen wie Catherine O´Hara, Marilyn Monroe, Romy Schneider oder Marlene Dietrich inspirierten. Eine andere Geschichte begleitet eine Frau, die beim Übertritt der russischen Sektorengrenze den ganzen Familienschmuck verliert. Die Wertgegenstände und Schmuckstücke hatte sie in Rock- und Mantelsäume eingenäht. Der titelgebende Mann im Kamelhaarmantel verkörpert den Vater einer namenlosen Ich-Erzählerin. Er dominiert deren Vorstellung von Männlichkeit, Mode und Stil. In allen anderen Männern in ähnlichen Mänteln sucht sie vergeblich nach seiner Klasse. Der Mantel wird zum Vaterideal stilisiert, das Kamelhaar zu Geborgenheit und Nähe.

Wie viel Fiktion und wie viel persönlicher Natur die Kurzgeschichten entsprechen, obliegt der Fantasie der Zuhörenden. „Literatur muss nicht wahr sein, sondern in sich stimmig und wahrhaftig!“, erinnert Heidenreich.

Das Sonntagskleid

Dass Kleidung, „nicht Mode!“, als gesamtgesellschaftliches und soziologischen Phänomen zu betrachten ist, zeigt der moderne Beruf der Influencer*in. Kleidung ist Ausdruck von Zeitgeist, Eliten und Gruppenzugehörigkeiten. Einzelne Berufe und Subkulturen grenzen sich bewusst durch einen eigenen Kleidungsstil ab. Trachten und Uniformen wirken identitätsstiftend. Kleidung kann regional und geschichtsepochal untersucht werden. Unter Gelächter aus dem (älteren Teil des) Publikum, erinnert Heidenreich etwa an das Sonntagskleid, an die Cordhose, die sie aus Protest unter dem Rock trug oder wie sie mit 18 Jahren als schwarz gekleidete Existentialistin Camus las. Auch keine Kleidung zu tragen ist ein politischer Akt, wie die Tierschutzorganisation PETA zeigt. Seit mehreren Jahren demonstrieren unbekleidete Schauspieler*innen in großen Kampagnen gegen den Einsatz von tierischem Fell, Pelz, Haut und Leder in der Kleidungsindustrie.

Kleidung und insbesondere die Wahl der Kleidung hat sich im 21. Jahrhundert diversifiziert und demokratisiert. Der soziale Einfluss der Bekleidungsindustrie konstruiert und spiegelt sich in den gängigen Rollenbildern und Schönheitsidealen. Der wirtschaftliche Faktor der Textilindustrie ist enorm.

Fast Fashion

Nennenswert ist auch, dass die Branche zu den größten Emittenten von klimaschädlichen Treibhausgasen gehört. Mischgewebe, qualitätsarme Stoffe und Textilien aus künstlichen Fasern lassen sich selten wiederverwerten und müssen verbrannt werden. Neben der Auslagerung von Produktionsstätten und der Entsorgung, werden auch Umweltschäden und Menschrechtsverletzungen entlang der Lieferkette ins Ausland outgesourct. Dass moderne Sklaverei auch in Europa stattfinden, zeigt die Arte-Reportage „Fast Fashion – Die dunkle Welt der Billigmode“. In Fabriken im englischen Liverpool filmt sie Näher*innen, die für einen Stundenlohn unter vier Pounds arbeiten.

Kleidung, die in deutsche Altkleidercontainer geworfen wird, wird nur geringfügig gespendet oder in den Kreislauf zurückgeführt. Ein Bruchteil kann in deutschen Second Hand-Läden verkauft oder in Kleidungskammern sozial schlechter gestellten Menschen zugeführt werden. Das Rote Kreuz macht 1/3 ihres Jahresumsatzes mit dem Verkauf von Altkleidern ins Ausland. Wer in Metropolen des Globalen Südens reist, wird schon einmal in Basaren und Kleidermärkten auf deutsche Marken gestoßen sein. Mein persönliches Highlight: Motto-Shirt des Abiturjahrgangs 2011 des Gymnasiums auf dem Mwende-Markt in Dar Es Salaam / Tansania.

Die moderne Konsumkultur hat Kleidung zum Abfallprodukt einer schnelllebigen Gesellschaft denunziert. Elke Heidenreich erinnert uns daran, dass Kleidung, wirklich qualitative Kleidung, einen sensorischen und ästhetischen Mehrwehrt besitzen kann, der es wert ist wiedergefunden zu werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.