Oktober 31, 2021

Heiner Kondschak: EXIT

Die Migration von Personen und Ressourcen ist so alt wie die Menschheit. Wissen, kulturelle Errungenschaft, Sprachen, Schriften und Schriftträger wurden seit jeher durch Zuwanderung und Handel ausgetauscht und verbreitet.

Heiner Kondschak singt, spielt und erzählt - Allein

Heiner Kondschak vertont die Inhalte von Liedern, „die er schon immer ausdrücken wollte, die es aber einfach schon gibt.“ Einige seiner Lieder sind von New York über Hoyerswerda bis zu den Ettlinger Literaturtagen gereist. Der ehemalige Tübinger Theaterregisseur interpretiert „befreundete und gereiste Lieder“ von Bruce Springsteen, Janis Joplin und Tom Waits, teils eigene und teils eingedeutschte Lieder mit Mundharmonika, Schelle, Klavier und Flöte. 

Wer den Euro nicht ehrt, ist noch lange kein Ehrenmann

Der Multiinstrumentalist trägt Witze und Elefanten-Gedichte vor. Die Sinnsprüche seiner Großmutter, wie etwa „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, nutzt er in teilweise modernisierter Fassung, um die moralische Deutungshoheit von deutschen Sprichwörtern zu affektieren. Er singt: „Wie die Nase eines Mannes, so auch sein Johannes. Solange das Deutsche Reich besteht, werden Schrauben rechts herum gedreht.“ Mit 66 Jahren behält sich Kondschak das Recht vor jüngere Menschen zu warnen. Gemeinsam mit seinem Bruder trat er als „die Warner Brothers“ in der Fußgänger*innenzone auf, um die Menschen vor der hereinbrechenden Nacht zu warnen. Er weist darauf hin, dass ein Mensch nach seinem Charakter und nicht nach seinem Aussehen zu bewerten ist. In seinem ganzen Leben hat er noch keinen Anzug getragen.

Leseprobe

"Weil das arme Herz so Hunger hat,
Es wird ja nicht allein vom Kummer satt.
Also füttern wir die Hungerherzen
Mit Liedern und dem Licht von Wunderkerzen."
Heiner Kondschak

Ein Mensch mit so vielen Talenten und so viele Menschen ohne Talent

Kondschak verbringt seine Sommer in einem kleinen Ort in Südfrankreich. Einmal lud er zwei Israelis, die er auf der Straße musizieren sah, für eine Jam-Session ein. Der Liedermacher und seine Gäste sahen sich zunächst mit der Herausforderung konfrontiert, dass in ihren Heimatländern verschiedene Tonleitern verwendet werden, die den Tonraum unterschiedlich aufteilen. Ein „gereistes“ Trostlied aus dem Warschauer Ghetto vermochte es dennoch die drei Musiker rhythmisch und tonal zu vereinen.  

Ein Lied widmet Kondschak Martin Luther King. Angelehnt an dessen berühmte Rede „I Have a Dream“ schrieb Konstantin Wecker das Lied „Ich habe einen Traum“. Kondschak inszeniert Weckers Text und singt: „Teilen und Geben machen Mut, lasst uns Grenzen öffnen, weil es eine grenzenlose Welt ist, in der ich leben will.“

Eklat Frankfurter Buchmesse

Die Autorin Jasmina Kuhnke war die erste, die ihre Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse absagte. Als Begründung nannte sie, dass ihre Anwesenheit nur unter besonderen Schutzmaßnahmen möglich wäre. Kuhnke kritisiert, dass Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund durch die Präsenz von rechten Verlagen und rechtsextremen Messebesucher*innen bedroht werden. Auch die Bildungsstätte Anne Frank beanstandet, dass die größte Buchmesse der Welt insbesondere dem neurechten Verlag „Jungeuropa“ ein Podium geboten hat und „die weitere Normalisierung und Verbreitung von Menschenhass“ zulasse. In seiner Position als Leiter des rechtsextremen Projekts „Ein Prozent für Europa“ hatte Philip Stein, Verleger von „Jungeuropa“, in der Vergangenheit bereits öffentlich Kuhnkes Abschiebung gefordert.

Statement

„Deshalb habe ich mich entschieden, zum Nachteil für die Präsenz meines Buches und die damit verbundene Werbung für dieses, meine Auftritte im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2021 abzusagen. Selbstverständlich bedauere ich, dass mir nur das Mittel des Boykotts bleibt, um mich als Schwarze Frau zu schützen. Ich möchte den Verantwortlichen damit aufzeigen, dass die hier getroffene Entscheidung, Nazis den Raum zu bieten sich darzustellen, vor allem Konsequenzen für Betroffene wie mich hat.“
Jasmina Kuhnke, Autorin von "Schwarzes Herz"

Weitere Autor*innen wie Annabelle Mandeng, Nikeata Thompson oder Riccardo Simonetti sagten daraufhin ihre Auftritte ab und riefen zum Boykott der Messe auf. Als Reaktion veröffentlichte die Frankfurter Buchmesse ein offizielles Statement und berief sich auf die Meinungsfreiheit. Laut Veranstaltung könnten alle Verlage, die sich im Rahmen der Rechtsordnung bewegen, auf der Buchmesse ausstellen: „Das Verbot von Verlagen oder Verlagserzeugnissen obliegt in unserem Rechtsstaat den Gerichten, und nicht einzelnen Akteur*innen wie der Frankfurter Buchmesse.“

„Rassismus und Antisemitismus sind keine Meinungsfreiheit“

Auf den Social Media-Plattformen solidarisieren sich viele User*innen mit den Autor*innen um Kuhnke. Sie protestieren: Rassismus und Antisemitismus seien keine Meinungsfreiheit. Auch wenn die Veranstalter*innen Verlage nicht einladen, sondern diese Ausstellungsstände mieten, verfüge die Messe dennoch über das Hausrecht.

Der diskriminierungssensible Pädagogik-Blog Klasse(n)gedanken äußert sich wie folgt: 

„Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht. Aber auch sie hat Grenzen – und zwar dort, wo die Grundrechte anderer beschnitten werden.
Meinungsfreiheit als Grundrecht uneingeschränkt zu verteidigen nimmt Meinungen in Kauf, die Marginalisierten und Diskriminierten ihre Rechte absprechen wollen. Hier muss eine klare Grenze gezogen werden, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Menschenrechte als höchstes Gut verteidigt. Auch ohne juristisch belangt zu werden, verbreiten rechte Verlage ihre Narrative – mit Ihrer Erlaubnis auch auf der Buchmesse. Es ist leider ein schwaches Statement, das zu dulden, nur weil die entsprechenden Verlage bislang nicht juristisch angegangen werden. Dass deren Arbeit dazu beiträgt, dass sich die Grenze des Sagbaren immer weiter nach rechts verschiebt, dass deren Arbeit mit dazu beiträgt, dass rechtsextreme Angriffe und Gewalttaten zunehmen, das darf nicht ausgeblendet werden. Um es mit Kästner zu halten: „Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.“

Bei der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an die simbabwische Autorin Tsitsi Dangarembga interveniert die Grünen-Politikerin Mirrianne Mahn die Rede des Oberbürgermeisters. In der Frankfurter Paulskirche weist sie auf das Paradoxon hin, dass eine Schwarze Frau mit dem Friedenspreis geehrt wird, während sich BIPoC (Black, Indigenous and People of Color)-Autor*innen und -besucher*innen auf der Frankfurter Buchmesse nicht sicher fühlen können. 

Auch wenn die Messe mit der Preisverleihung am vergangenen Wochenende abschloss, hat ihr Ruf nachhaltig Schaden genommen. 

„Alle Menschen sind verschieden, aber gleich viel wert“, solidarisiert sich Heiner Kondschak und empfiehlt: „Wenn Sie einmal wieder Weltschmerz empfinden und denken, es gibt nur Idioten auf der Welt, fahren Sie nach Würzburg. Suchen Sie die kleine türkische Schneiderei in der Nähe des Hauptbahnhofs auf und lesen Sie das Schild im Schaufenster:

Wir ändern alles!

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