Mai 11, 2021

Joachim Zelter: Aufruf zur literarischen Emanzipation

Eröffnungsfeier der Landesliteraturtage Baden-Württemberg 2021 in Ettlingen

Über die Uferpromenade von Konstanz wacht das Wahrzeichen der Stadt. In satirischer Erinnerung an das Konstanzer Konzil trägt Imperia, eine aus Beton gegossene Kurtisane, zwei nackte Männlein auf ihren erhobenen Händen. Papst-Tiara und Krone weisen die Männer als geistige und weltliche Würdenträger aus. In Joachim Zelters Lesung, die die die Literaturtage an diesem Abend eröffnen, personifiziert sich die Statue in der Protagonistin Iphigenie. Im Folgenden lässt sich Imperias Mätressenherrschaft auch als feministisches Symbol einer emanzipatorischen Bewegung interpretieren, die die Kunst- und Literaturbranche erfasst hat.

Szenenwechsel.

04. Mai, Epernaysaal, Ettlinger Schloss, 18 Uhr. Zur offiziellen Eröffnungsfeier der Landesliteraturtage ist nur eine kleine Anzahl an ausgewählten Gästen geladen. Nach 1999 richtet die Alb-Stadt die durch das Land Baden-Württemberg geförderte Veranstaltung zum zweiten Mal aus. Ein eigens dafür eingerichteter Livestream und Videodirektübertragung verkabeln die Literaturhauptstadt auf Zeit mit ihrer Außenwelt.

Durch ein offenes Fenster weht kühle Abendluft herein. Der Saal ist erleuchtet in den Komplementärfarben Rot und Blau. Als das Jakob Bänsch Collective zu musizieren beginnt, vermischt sich die Jazzmusik aus den Instrumenten der sechs jungen Musiker*innen mit dem Klang des Dauerregens, der mit feuchten Fingern an die Fensterscheiben klopft. Der „Zufluchtsort des Geistigen“, den die Landtagsvizepräsidentin Sabine Kurtz in ihrer Rede beschreibt, versinnbildlicht sich im abendlichen Epernaysaal.

Sind wir systemrelevant?

„Sind wir systemrelevant?“, fragt der neue Leiter des Kultur- und Sportamts Ettlingen, Christoph Bader. Für ihn stellen die Literaturtage die erste große Veranstaltung seit Amtsantritt dar. Die pandemischen Einschränkungen haben ihren Tribut verlangt. Nach mehrfacher Umorganisation werden die prestigeträchtigen Literaturtage nun über mehrere Monate hinweg ausgetragen. Die planerische Herkulesaufgabe metaphorisiert sich in der biblischen Konnotation, Ettlingen als literarischen Pilgerort ausrufen zu wollen. Für die „detailreiche Anlegung von literarischen Wandelwegen“, wie Bader es beschreibt, könnte die zusätzliche Zeit tatsächlich fruchtbare Gestaltungsräume eröffnen.

Eine Perspektive und Öffnungskultur für die Stadt Ettlingen, wünscht sich ihr Oberbürgermeister Johannes Arnold. Nachdem die wichtigsten Literaturveranstaltungen des Jahres, die Büchermessen in Leipzig und Frankfurt von Corona einkassiert wurden, kündigt die Kunststaatssekretärin Petra Olschowski Förderungen für die Kulturbranche an. Mit dem Hinweis auf die Koalitionsverhandlungen der neuen Landesregierung, sollen Investitionen in innovative Formate, Institutionen und Stipendien für Kunst- und Literaturschaffende in Höhe von 15 Millionen Euro ausgeschüttet werden. Eine Branche, der der Virus eine metaphorische Zwangsdiät auferlegt hat, verlangt nach Nahrung. „Die Menschen haben Appetit auf Kultur“, weiß der Oberbürger zu sagen.

Zufluchtsort des Geistigen

„Die Literatur, als stillste aller Künste, scheint ideal für die Zeit einer Pandemie zu sein. Literatur, die still produziert und zumeist lautlos rezipiert wird“, entfalte, laut der Landtagsvizepräsidentin, ihre Wirkung „seit jeher über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg“. Literatur entwerfe dritte Räume. Ähnlich wie Kirchen, Moscheen oder Friedhöfe, vermag sie es eine Aura der Inspiration und eine Atmosphäre des Friedens zu konstruieren. Stellen Sie sich an diesem Punkt einmal vor, Sie betreten eine Bibliothek, die sie kennen. Vielleicht hilft es Ihnen für einen Moment die Augen zu schließen. Wenn Sie die Augen wieder öffnen, können Sie eine Gefühlsveränderung spüren? Gibt es für Sie persönliche Räume, die Zufluchtsorte des Geistigen sind?

Dass Literatur zuweilen auch schrill sein kann und sich Gehör verschaffen muss, wird jedoch ausdrücklich von Frau Kurtz hervorgehoben. Als Trägerin von zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Debatten, besitzt das Wort nicht nur eine deskriptive, sondern auch eine normative Prägung. Sprache kann jedoch niemals objektiv sein. Realität, hier zu verstehen als allgemeingültig anerkannte Wirklichkeit, wird vornehmlich durch den Konsens von Mehrheiten oder herrschende Eliten konstruiert. Am aktuellen Beispiel von China zeigt sich etwa, wie durch die staatliche Regulierung von Kunst und Literatur eine Realität konstruiert wird, die überwiegend durch die Legitimierung der kommunistischen Partei existiert. Zwar haben die Monarchien der Renaissance wichtige Kunstwerke hervorgebracht, dennoch floriert Kunst wohl besonders dort, wo ihr keine Zwänge auferlegt sind. In Anspielung auf die umstrittene Aktion Kulturschaffender, die unter dem Hashtag #allesdichtmachen im April virale Aufmerksamkeit erregte, resümiert die Landtagsvizepräsidentin, dass die Freiheit der Kunst darin bestehe, „etwas zu machen, was nicht allen gefällt“.

Aufruf zur literarischen Emanzipation

In der gleichen Weise wie Kunst, Literatur und Sprache Spiegel gesellschaftlicher Prinzipien und Prozesse sein können, müssen sich die Künste auch selbst einer kritischen Reflexion unterziehen. Sind Werke wie der „Kaufmann von Venedig“ oder Schriften von Kant, Luther oder Heidegger, die mitunter antisemitische und rassistische Formulierungen und Lehren beinhalten, heutzutage noch bühnen- bzw. gesellschaftsfähig? Abzuwägen gilt: Die Freiheit der Kunst zu garantieren und gleichzeitig die Würde des Individuums, die Gleichbehandlung aller Bürger*innen und marginalisierte Bevölkerungsgruppen zu schützen. In der politischen Auseinandersetzung gibt Frau Kurtz zu bedenken, dass Kunst auch in einer Demokratie nicht ausnahmslos alles tun dürfe.

Was bedeutet es, wenn im Ettlinger Schlosshof „Der Kaufmann von Venedig“ in Originalversion aufgeführt oder die Ettlinger „Mohrengasse“ nicht umbenannt wird? Können die Konsument*innen diese Werke kritisch und in ihrem historischen Kontext interpretieren? Oder reproduzieren Bücher wie „Vom Winde verweht“ oder die Lutherbibel Stereotype und einen Alltagsrassismus, der die gesellschaftliche Verantwortung ihrer Inhalte von der Kunst auf die Konsument*innen ablädt? Einer kürzlich veröffentlichten Studie der Universität Bielefeld zufolge, fördert etwa deutscher Gangsterrap, wie er von Künstler*innen wie Kollegah produziert wird, antisemitische und sexistische Vorstellungen seiner Zuhörenden. Die Diskussion darüber, Kunst und Literatur zu zensieren bzw. zu überarbeiten, wie es gewöhnlich totalitäre Regime praktizieren, bedarf große Sensibilität.

Der Poetin Amanda Gorman, die bei der offiziellen Amtseinführung des US-Amerikanischen Präsidenten Joe Biden sprach, schenkt die Kunststaatssekretärin Olschowski deshalb besondere Aufmerksamkeit. Das von Gorman vorgetragene Gedicht, das den Sturm auf das amerikanische Kapitol verarbeitet, demonstriert die feministische, anti-rassistische und anti-koloniale Debatte, die nicht nur die Kunst und die Kunstschaffenden, sondern alle Wissenschaften erfasst hat. Dies ist ein Aufruf zur literarischen und insbesondere der mentalen Emanzipation.

Imperiale Frauschaft

Dass auch Joachim Zelter emanzipatorische und anti-patriarchale Handlungsstoffe webt, demonstriert Imperia, die sich in der Hauptfigur Professorin Iphigenie de La Tour personifiziert, „einer Statue gleich, mit Haaren wie ein aufgeblähtes Segel auf See“. Der Schauspieler Gregor Schamoni verfängt sich im Machtkreis der despotischen Frau, die eine imperiale weibliche Frauschaft (in Opposition zum Androgyn Herrschaft) repräsentiert.

Leseprobe

„Ich bestehe auf mir, ich bestehe auf der Welt, ich bestehe auf der Sonne, ich bestehe auf dem Wetter, ich bestehe auf den Menschen. Ihr Stehen ist ein ständiges Bestehen. Ob sie das nicht sehe. Für alle Welt sichtbar auf den Punkt gebracht. Damit das endlich einmal gezeigt sei, wer Iphigenie in Wahrheit ist.“
Joachim zelter, "Imperia"

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