November 14, 2021

Konflikte

Frank Rudkoffsky und Theres Essmann erhalten zwei Literaturstipendien des Landes Baden-Württembergs, die mit 12.000 Euro dotiert sind. Cihan Acar und Valentin Moritz teilen sich ein Stipendium. Mit der Auszeichnung ist eine gemeinsame Lesereise der Laureat*innen durch Baden-Württemberg verbunden.

Acar: „Wer allein bleibt, den frisst der Wolf“ (türkisches Sprichwort)

In Deutschland leben fast 22 Millionen Menschen mit Migrationsbiografie. In öffentlichen Ämtern und Medien werden diese Menschen dennoch kategorisch unterrepräsentiert. Obschon der neu gewählte Bundestag nicht zuletzt durch die Initiative „Brand New Bundestag“ jünger und vielseitiger geworden ist, werden Parität, Demographie und Diversität innerhalb der deutschen Gesellschaft nach wie vor unzureichend berücksichtigt. Cihan Acars Roman „Hawaii“, für den der Jungautor mit einem halben Landesstipendium ausgezeichnet wurde, ist ein Appell migrantisches Leben in Deutschland deutlich stärker in die öffentlichen Diskurse einzubeziehen.

Acar siedelt seine Milieustudie 10 Jahre nach der Aufdeckung der NSU-Mordserie in Heilbronn an. In Hawaii, einem im Industrieviertel der Stadt entrückten Quartier, leben die türkischen Eltern eines 21-jährigen Fußballstars, der seine Karriere verletzungsbedingt beenden muss. Auf einem Gang durchs Viertel fallen ihm Hyänen auf, die Sprayer auf einer Hauswand hinterlassen haben. Im Protagonisten wecken sie Erinnerungen an die 80er Jahre, in denen das Viertel ein sozialer Brennpunkt der Drogen- und Bandenkriminalität war. Acar beschreibt die Zerrissenheit seiner Hauptfigur zwischen deutscher Mentalität, kulturellen Wurzeln, Aussehen, Sozialisation und Umfeld, die der inneren Heimatlosigkeit Nahrung verweigern. 60 Jahre nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei, kritisiert der Autor mangelnde Toleranz und Inklusion von Minderheiten in die deutsche Mehrheitsgesellschaft.

Rudkoffsky: Fake

Wie radikalisieren sich jungen Menschen in digitalen Räumen? Stipendiat Frank Rudkoffsky analysiert in seinem zweiten Roman „Fake“ die Elternschaft von Sophia und Jan, die Mitte Zwanzig ihr erstes Kind bekommen. Während Jan als angehender Journalist in rechten Netzwerken bei Pegida-Aufmärschen recherchiert, fühlt sich Sophia in der Gegenwart ihres Sohnes allein gelassen, isoliert, klaustrophobisch und entfremdet. In einem Online-Forum für Mütter beginnt sie Hassnachrichten zu verbreiten. Aus Langeweile und Unterhaltung, schlagen anfängliche Provokationen in Mobbing über. Als Trollin legt sie Fake-Profile an und beginnt andere User*innen systematisch gegeneinander aufzuhetzen.

Willkommen im digitalen Zeitalter

Social-Media-Kanäle, Suchmaschinen und Videoportale sind algorithmisch so angelegt, dass Informationsinhalte, die die größte Aufmerksamkeit generieren, am höchsten bewerten werden. Insbesondere die Verbreitung polarisierender Themen sind für die anbietenden Unternehmen ökonomisch attraktiv. Die Whistleblowerin Frances Haugen kritisiert: „Facebook formt unsere Wahrnehmung der Welt durch die Auswahl der Informationen, die wir sehen.“ Laut ihr entzögen sich die Digitalkonzerne einer gesellschaftlichen und moralischen Verantwortung und würden Konflikte aus monetären Interessen bewusst in Kauf nehmen. Weil sich geschlossene Messenger-Gruppen einer institutionellen und rechtlichen Kontrolle entziehen, öffnen digitale Räume Türen für Hate Speech und Desinformations-Kampagnen. Auch werden die digitalen Plattformen mit einer Reichweite von Millionen potenzieller Wähler*innen vermehrt politisch instrumentalisiert, wie der Einsatz von Trollfabriken, personalisierter und manipulativer Werbung während dem Bundestagswahlkampf demonstrierte.

Die ethnische Säuberung der Rohingya-Minderheit in Myanmar, Falschinformationen zur Corona-Pandemie oder die Stürmung des US-Amerikanischen Kapitols am 06. Januar veranschaulichen, wie Filterblasen und Fake News Polemik und Diskriminierung auch in den analogen Alltag kopieren.

Moritz: Kinder, die Krieg spielen

Als Kinder Krieg spielen. Als Kinder Krieg spüren. Halb-Stipendiat Valentin Moritz verwebt in „Kein Held“ die Jugend-Erinnerungen seines Großvaters mit den eigenen.

1933 ist der Großvater elf Jahre alt. „Hitler sei ein Kriegstreiber“ warnt zwar der Urgroßvater, positioniert sich aber niemals öffentlich, aus Angst die Invalidenrente zu verlieren. In der Schule werden die Kinder in die Hitlerjugend integriert. Wer sich weigert, macht sich automatisch verdächtig.

60 Jahre später spielt der Ich-Erzähler Geiselspiele mit Plastikpistolen. Der Kalte Krieg, Aids und Tschernobyl sind der Angst vor dem Ozonloch, Sonnenbrand und dem Wels im Rhein gewichen. An flirrenden Sommertagen spielen der Protagonist und sein bester Freund dem fast blinden Nachbarn Streiche. Im rauschhaften Treiben verschwimmen Spieltrieb und Ernsthaftigkeit und die Hauptfigur konfrontiert sich mit der eigenen Irritation darüber dem besten Freund Schmerzen zufügen zu wollen, ihn zu demütigen und sich selbst dadurch zu erhöhen.

Squid Game

Der Einsatz von physischer und psychischer Gewalt ist expressiv, instrumentell und strukturell multi-dimensional. Gründe, warum Menschen interpersonale Gewalt anwenden, kann unter anderem aus der Motivation heraus erfolgen, einer anderen Person Schaden zuzufügen, das Opfer dem eigenen Willen zu unterwerfen oder die Gewalt als Gegengewalt auf eine vorangegangene Tat geltend zu machen. Dass diese Fähigkeit zur Gewaltanwendung schon frühzeitig unter Kindern zum Ausdruck kommt, zeigt der aktuelle Skandal um die koreanische Netflix-Serie „Squid Game“. In Kitas und auf Schulhöfen simulieren Kinder Gesellschaftsspiele, an deren Ende die Verlierer physisch durch Ohrfeigen oder Schläge bestraft werden. Die Serie erzählt die Geschichte von fünfhundert hochverschuldeten Menschen, die in scheinbar harmlosen Kinderspielen gegeneinander antreten, um ein Preisgeld in Millionenhöhe zu gewinnen. Diejenigen, die die nächste Runde des Wettbewerbs jedoch nicht erreichen, werden getötet.

Essmann: Was ist menschliche Größe?

„Was ist menschliche Größe?“, fragt Stipendiatin Theres Essmann. Ihre Novelle entwickelt sich aus der Bekanntschaft des Taxifahrers Jürgen Krausse mit einem alterspensionierten Dauerkunden namens „Federico Temperini“. Der titelgebende Mann entführt Krausse in die virtuose Welt von Niccolò Paganini, einem italienischen Geiger und Meisterkomponisten. Die gesellschaftliche Mystifizierung von Paganini als „Teufelsgeiger“ und Europas erstem Superstar, nach dem Gerichte und Modeerscheinungen benannt wurden, gibt Essmann Anlass über Genietum und menschliche Größe nachzudenken.

König ohne Volk

Das kollektive Verständnis einer bestimmten Realität ist stark identitätsfördernd. Ein gemeinsamer Wertekanon und ein kollektives Gedächtnis, aus dem sich gesellschaftliche Strukturen und Institutionen speisen, prägen sowohl die Gruppe, die die Definitionsmacht ausübt, als auch das Individuum, Gruppen oder systemische und historische Zusammenhänge, die zu Objekten der Definition gemacht werden.

Personen des öffentlichen Interesses, Teufelsgeiger*innen und Diktator*innen eingeschlossen, sind so lange repräsentabel wie ihnen dominierende Eliten, gesellschaftliche Entscheidungsträger*innen und die öffentliche Meinung die Legitimation dazu geben. Ein König kann nicht ohne Volk regieren.

Es wird deutlich, dass insbesondere Sprache als semiotische Konstruktion zu verstehen ist, die sowohl beides erlaubt, Personenkult und Brandstiftung, Friedens- und Konfliktförderung, Glorifizierung und Verteufelung.

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