September 20, 2021

Freia Leonhardt: Poetry in Motion

"Unterwegs": Federgeführtes, Tanz und Projektion aus dem Leben und Reisen der Tänzerin Freia Leonhardt

Stille ist selten geworden in der Welt. Das Ritual, dass sich schweigend vollzieht, wenn Freia Leonhardt auf dem Boden kniet und die Arme um einen Findling in ihrem Schoß schlingt, ist ein seit Jahrtausenden millionenfach praktiziertes Erlebnis, das uns seit jeher auf wundersame Weise in Erstaunen versetzt: Die Geburt von Leben.

Nach der Sommerpause eröffnet die Künstlerin die Fortsetzung der Landesliteraturtage Baden-Württemberg 2021. Unter dem Motto „Hör mal!“ versammelt die Veranstaltungsreihe zwischen Mai und Dezember regionale und überregional bekannte Autor*innen in Ettlingen.

Synergie

In ihrem Werk „Unterwegs“ teilt Freia Leonhardt Texte und Projektionen von Reisen und aus ihrem Leben, die sich in Tanz und Musik entfalten. Gemeinsam mit der Musikerin Isabel Eichenlaub kommt es zu einer synergetischen Verkörperung von Literatur. Sinnbildlich dafür wurde der Epernaysaal im Ettlingen Schloss als intimer Raumkörper gestaltet. Schwere Vorhänge verschließen die Veranstaltung vor der Außenwelt. Vor der Bühne ist eine große Leinwand aufgespannt, die mit szenischen Aufnahmen von Wald, Wasser, Felsen, menschlicher Haut und Schatten bespielt wird. Entlang der Fensterfronten haben die Künstlerinnen Äste und Zweige einer Linde in Christbaumständern drapiert.

Federführend

Als die Veranstaltung beginnt, erscheint Freia Leonhardt unbemerkt durch den Besucher*inneneingang. Mit welkenden Blüten im Haar, gehüllt in eine Robe aus roten Leinen, schreitet sie durch die Reihen. Dabei lächelt sie und schenkt den Anwesenden ihre Aufmerksamkeit. In den Händen hält sie eine Feder und sie fragt: „Was begreifen wir als Wissen? Was nennen wir Kultur, in das wir uns zurückgezogen haben?“

Die Veranstaltung ist assoziativ aufgebaut. Freia Leonhardt verwebt ihre Texte und Gedanken mit Bewegungen. Tänzerischer und literarischer Ausdruck, Körper und Kunst inszenieren sich gegenseitig. Im Spiel von Cello und Campanula bewegt sie sich raumgreifend, mitunter pfeifendend, singend, jauchend und stöhnend durch den Saal. Verbal und physisch tritt sie in Dialog mit dem Publikum, indem sie etwa unter einem der besetzen Stühle hindurchkriecht. Dankende Worte gegenüber dem Techniker oder die Frage nach der Uhrzeit brechen die Illusion der Zeremonie zuweilen auf und schaffen Zugänglichkeit.

Metamorphose

Eines der physikalischen Grundgesetze besagt, dass nichts aus der Welt verschwinden kann. Es sind lediglich die Zustandsformen, die sich auf molekularer Ebene verändern. Alle Materie obliegt permanenter Transformation.

Leonhardt weist darauf hin, dass die Bücher, in die sie seit ihrem dreizehnten Lebensjahr schreibt, aus der Zellulose von Bäumen gemacht sind. In mehreren Koffern hat sie die goldenen Tagebücher mitgebracht und im Halbkreis vor der Leinwand ausgelegt. Die Bücher konservieren die Geschichte der Tänzerin. Viele werden sie überdauern. Wenn der menschliche Körper verrottet, kehren die Nährstoffe zurück in den Boden. Die Linde, die erst vor zwei Tagen auf einer nahegelegenen Baustelle gefällt wurde, ist Schutzbaum der nordischen Fruchtbarkeitsgöttin Freia, die der Künstlerin ihren Namen geschenkt hat. Die Wechselwirkungen von Körper und Umwelt, von Kunst und Sein, ziehen sich wie rote Fäden durch den Abend und die Biografie der Künstlerin. Diese materialisieren sich auch in einigen der Tagebücher. Eine rot aufgemalte durchgängige Linie zieht sich über alle Seiten.

Der rote Faden

Entspräche das Erdenzeitalter 24 Stunden, würde der homo sapiens erst vier Sekunden auf diesem Planeten existieren. Welche Spuren können wir hinterlassen im transformativen Wandel von Raum und Zeit?

Mit zwanzig Jahren ist Freia Leonhardt mit dem Fahrrad nach Griechenland gefahren. Seit dreizehn Jahren ist sie wieder auf einer Reise, die sie zurück ans Kretische Meer geführt hat. Von dort stammen die Projektionen auf der Leinwand: Der rote Wollfaden an einen Finger gebunden, flatternd im Wind. Ähren eines Kornfelds, Silhouetten vor der untergehenden Sonne. Leonhardt verbringt viel Zeit im Wald. Bei vielen Veranstaltungen tanzt sie in der Natur. Die emotionale, physische und sensorische Naturerfahrung ist für die Künstlerin essenziell, um die eigene Körperlandschaft zu verstehen. Geborenwerden, Altern und Sterben finden in der Natur nie isoliert statt. Die Konfrontation mit dem Tod der eigenen Mutter wirkt aus den aufgeschlagenen Tagebüchern heraus: „Der eigene Schmerz verwirrt die sinnliche Wahrnehmung des letzten Wunders, der Transformation des Wesens.“ Kreislaufdenken überkommt die Angst vor dem Tod und ehrt diesen als Schwelle zu Zustands- und Bewusstseinstransformation. Was bleibt ist die „Feier des Daseins, der Odem der eigenen Entfaltung und eine Sprache des Nah-Seins“.

Leseprobe

„Das habe ich gewollt, da hindurch schreiten, durch das Tal von Menschlichkeit, um auf dem Schaum der Welle - die Krone zu reiten
Ich wollte erleben, wenn sie meinen Leib zerfetzen,
was übrigbleibt, vom Ewigen und mir...

Weil es gut ist, nackt zu sein.
Weil das Unversehrte sich dann hervorhebt, das was unabhängig
leuchtet, dahinter
Wahhaft. schaumgeboren. frei“
Freia Leonhardt, "Die Gewänder Derer"

Umkehr-Zyklus

Im Karlsruher ZKM wird aktuell die Ausstellung „Critical Zones“ präsentiert, die sich ebenfalls mit einem neuen Werteverständnis beschäftigt, das der Umwelt, Böden und dem Klima mehr politische Rechte einräumt. In Konfrontation mit den begrenzten natürlichen Ressourcen der Erde, klimatischen Kipp-Elementen und den planetaren Grenzen, wird die Rolle des Menschen als Akteur im Ökosystem Erde hinterfragt. Die Animation „Umkehr-Zyklus“ (2020) der Künstlerinnen Alexandra Arènes und Soheil Hajmirbaba zeigt die wichtigsten physikalischen und biochemischen Kreisläufe innerhalb und zwischen Atmosphäre, Erdböden und Gesteinsschichten. Die fundamentale Existenzgrundlage von jeglichem menschlichen (Über-)Leben ist abhängig von den intakten Kreisläufen von Kohlenstoff, Phosphor, Sulfur, Silicium und anderen biochemischen Prozessen. Diese geschlossenen Kreisläufe werden durch menschliche Ressourcenübernutzung, Müllproduktion und Entsorgung und die Nutzung fossiler Brennstoffe in eine für Menschen lebensfeindliche Dysbalance gebracht. Der Mensch ist ein erdgebundenes Wesen. Wie hat er es geschafft sich einzureden sich selbst aus diesen Kreisläufen ausschließen zu können?

Wenn Freia Leonhardt tanzt, wenn sie lächelt und einzelnen Zuschauenden die Hände auf Schultern und Arme auflegt, empfängt das Publikum Güte und Zuversicht. Das Empfinden von systemischer Mitgliedschaft in den Netzwerken dieser Erde, wirkt über ihre Veranstaltung hinaus. Dass sowohl das Paris Agreement von 2015, der Green Deal der EU und der aktuelle Wahlkampf „Green Growth“ oder „Wirtschaftswachstum und Klimaschutz“ bewerben, scheint der Notwendigkeit einer mentalen, sprachlichen und sozio-ökonomischen Re-Interpretation der menschlichen Abhängigkeit von intakten Ökosystemen und begrenzten natürlichen Ressourcen allerdings immer noch unzureichend Konsequenz zu schenken.

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