April 29, 2021

Quo vadis, Kultur?

Willkommen. Was bewegt Sie? Wie ergeht es Ihnen in Zeiten des kulturellen Lockdowns?

Erinnern Sie sie noch an den Erfolgsroman „Liebe in Zeiten der Cholera“ des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez? In Zeiten von Corona erlebt das Meisterwerk eine Renaissance. So stiegen die Verkaufszahlen der englischsprachigen Auflage um 621% im Vergleich zum Vorjahr an.

Ob Defoe, May, Camus oder Puschkin: Epidemien sind bereits in vielen literarischen Werken zu zentralen Erzählgegenständen konstruiert worden. Ist es deshalb verwunderlich, dass Juli Zehs fiktiver Gesellschaftsroman „Über Menschen“, der die aktuelle Pandemie aufgreift, seit Wochen auf dem 1. Platz der Spiegel-Bestsellerliste rangiert?

In Begleitung des Baden-Württembergischen Literaturjahrs 2021, das von der Stadt Ettlingen organisiert wird, lade ich Sie ein, diesem Blog beizuwohnen. Neben einzelnen Einblicken in die Veranstaltungen und Informationen über die eingeladenen Autor*innen, reflektiere ich zentrale Fragen über Sprache, Literatur und Veränderungen in der Kulturlandschaft.

Etwa: Wie literaturtauglich ist die aktuelle Viruskrise und was umfasst der Term Kultur, der mitunter überproportional verbraucht wird und verwaschen ist wie ein altes Hemd?

Sprache, Trägerin menschlicher Entwicklung

Sprache ist seit jeher Ausdruck des Wandels. Das gesprochene Wort dient nicht nur als Trägerin menschlicher Kommunikation, sondern auch als Katalysator gesellschaftlicher Veränderungen. In den Kulturwissenschaften etwa beschreibt der Linguistic Turn (Linguistische Wende), dass Sprache eine Gesellschaft mit ihren vielen Subkulturen und Kollektiven erst konstituieren kann, weil nur allein durch das Wort Gedanken und Ideen beschrieben und mitgeteilt werden können. Eine Realität, die nicht durch Sprache beschrieben und strukturiert werden kann, bleibt demnach für uns Menschen unerreichbar. Somit ist Sprache, wie auch die Literatur und die Kunst, nicht nur Medium, sondern Ausdruck individueller Identität und gesellschaftlicher Prozesse.

In der Philosophie existiert die Gedankenschule der Ästhetik. Ist es die mitunter zweckfreie Gestaltungsmöglichkeit kreativer Exzesse, die den Menschen vom Tier unterscheiden? Fragen Sie zwanzig Künstler*innen aus zwanzig Jahrhunderten, warum sie tun, was sie am besten tun und sie werden mitnichten mehr als zwanzig verschiedene Antworten zu hören bekommen. Kunst ist wohlgemerkt pluralistisch.

Allerdings benötigt es begriffliche Sensibilität: Literatur ist nicht gleich Kunst. Kunst ist nicht gleich Hochkultur und Hochkultur, die innerhalb einer Gesellschaft als besonders wertvoll erachteten Kulturleistungen wie die Werke von Goethe und Schiller zusammenfasst, ist nicht gleich Kultur.

Im Labyrinth der Definitionen

Kulturverständnis ist äußerst multipel. Eine allgemeine Definition gibt es nicht. Progressive Ansätze in den Kulturwissenschaften wollen Kulturen als offene Kollektive verstehen, die durch das Individuum definiert und gestaltet werden. So existiert innerhalb des Kollektivs einer Schulklasse am Albertus-Magnus-Gymnasium eine eigene Kultur, die nicht vergleichbar ist mit jener innerhalb einer Klasse an der Berta-von-Suttner-Schule. Wie sollten diese kollektivistischen Kulturen einer Verallgemeinerung von Jugend- oder Schulkultur unterworfen werden können? Noch komplizierter wird es wohl, wenn Individuen nicht nur Teil eines Kollektivs, sondern mehrerer Kollektive sind, die, jedes einzelne, durch die Interaktion verschiedener Menschen eine eigene Kultur konstituieren. Der Austausch zwischen Kollektiven, Zusammenschlüsse und Austritte höhlen das allgemeine Verständnis einer einzigen geschlossenen deutschen Kultur massiv aus wie einen Schweizer Käse. Radikale Theoretiker*innen diskutieren sogar, ob Kulturen überhaupt existieren, oder nur sprachlicher Ausdruck in der Beschreibung vieler gesellschaftlicher Unterschiede, wie sie zwischen jedem einzelnen Menschen bestehen, sind.

Kulturen sind demnach vielschichtig, polymorph, permanent wandelbar, widersprüchlich, allumfassend und allgegenwärtig, und doch so flüchtig greifbar wie die Taube auf dem Dach.

Paradoxon kultureller Lockdown

Indikatorisch lässt sich nun zumindest feststellen, dass sich die Kulturlandschaft, die vor allem im Bereich der Hochkultur verankert ist, verändert. Geschlossene Betriebe und abgesagte Veranstaltungen lassen sich womöglich allegorisch mit der gelben Cholerafahne aus Márquez´ „Liebe in Zeiten der Cholera“ vergleichen. Ähnlich der Fahne schirmt der Corona-Lockdown die Kulturschaffenden existentiell von der Gesellschaft ab. Die Liebe zur Kunst, zum Schreiben und kreativen Erschaffen schränkt er unterdessen, ähnlich wie die Liebe des alternden Roman-Paares, nicht ein. Einen kulturellen Lockdown kann es deshalb nicht geben. Es sind die Verhaltensweisen, Umgangsformen und Sprache der Literat*innen, die sich der Viruskrise anpassen und diese zum Ausdruck bringen. Autor*in und Umwelt stehen in reziproker Wechselwirkung zueinander, ähnlich einem Ehepaar, das einen Haushalt gründet und dessen Ehe gleichzeitig durch den gemeinsamen Haushalt erst alltägliche Gültigkeit erlangt.

Die Krise dient lediglich als Katalysator für neue künstlerische und literarische Ausdrucksformen. Die Angst vor kultureller Armut geht und der Wandel bleibt. Veränderung ist wohl die einzige Konstante im linearen Zeitverständnis christlicher Gesellschaften.

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