Juni 10, 2021

Thommie Bayer: Summertime Sadness

Sa, 22.05.2021, 20 Uhr, Schloss Ettlingen/Epernaysaal

Thommie Bayer und die Nachtigallen: „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“

Hand aufs Herz: Können Sie sich an Ihr letztes Klassentreffen erinnern? Haben Sie noch alle Gesichter erkannt und Namen gewusst?

Im Klang der abendlichen Kirchturmglocken steht Thommie Bayer im Säulengang des Ettlinger Schlosses und raucht. Vor zehn Minuten hat er seine Lesung beendet. Der Gesang der Nachtigallen ist verklungen. Jetzt atmet er in regelmäßigen Zügen die Abendluft ein. In einer Hand hält er ein bauchiges Weinglas, in der anderen einen Zigarettenhalter. Der Schwermut, aus dem die Handlungsstränge seines Buches gewebt sind, verflüchtigt sich allmählich im aufsteigenden Rauch der Zigaretten.

Zwei Stunden früher: In Kontrast zur Eurovision, die an diesem Abend live aus Rotterdam übertragen wird, schlägt Thommie Bayer melancholische Töne an. Er liest aus seinem Roman „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“, der von vier ehemaligen Freunden erzählt, die am Grab ihrer Chorleiterin wieder aufeinandertreffen. Das Verhältnis ist distanziert, die Kommunikation gehemmt. Sie sind vier Männer Mitte Vierzig, die sich davor ängstigen einem vergangenen Zusammengehörigkeitsgefühl nachzuspüren und sich gleichzeitig nichts mehr zu erzählen zu wissen.

And all I’ve done for want of wit
To memory now I can’t recall.

Die Mitte der Welt

Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Sie nach Jahren auf ehemalige Bekannte oder Freunde treffen, mit denen Sie lange keinen Kontakt gepflegt haben? Es mag wohl sehr situativ sein, ob ein Wiedersehen an einstige Sympathien anzuknüpfen vermag. Eine gemeinsame Alltäglichkeit, wie sie unter Schulkamerad*innen aufgebaut wird, wird wohl in kaum einem anderen Lebensabschnitt so intensiv und gleichgültig ausgelebt. Dem Egozentrismus eines Kindes, dessen Weltsicht durch die eigenen Sinne und nicht durch die Tagesschau bestimmt wird, mag eine entfremdete Leichtigkeit anmuten, von der Bayer später unter den Arkaden spricht. Spätestens zum Schulabschluss verändern sich die Prismen der Subjektivität, durch die das jugendliche Individuum bisher zum Mittelpunkt der Realität konstituiert wurde.

I´m a melancholy man, that´s what I am. All the world surrounds me and my feet are on the ground.

Der Internatslehrerin Emmi lag mehr an Musik als an Gott. Als sie im Alter von 76 Jahren stirbt, führt die Beerdigung ihre ehemaligen Schützlinge wieder zusammen. Unter der Anleitung von Emmi, gründeten die einstigen Freunde einen Chor und traten als „Die Nachtigallen“ auf. Am Grab singen sie gemeinsam für die Tote „The Parting Glass“. Auf einer anschließenden Reise nach Venedig, wagen die vier Männer den Versuch die Gräben der zeitlichen Distanz zu überbrücken.

For all those born beneath an angry star
Lest we forget how fragile we are.

Im Singsang der Nachtigallen

Musikalisch wird Bayers Lesung von den Nachtigallen begleitet, einer dreiköpfigen Kultband aus Heidelberg. Die Gruppe hat sich auf die Neuinterpretationen großer Pop-Klassiker wie „Yellow Submarine“ von den Beatles oder Céline Dions „My Heart Will Go On“ spezialisiert. Melodien von Kontrabass, E-Gitarre und Bässen fluten den leeren Epernaysaal wie das Spiel von Gezeiten. Musikstücke wie „The Parting Glass“, die Bayer in seinem Buch rezitiert, werden von den Nachtigallen interpretiert. Rauschend greifen Prosa und Musik ineinander über, wechseln sich ab und inszenieren sich gegenseitig. Die Sängerin spielt Schlagzeug auf dem Rücken des Kontrabasses und wie eine Muleta dominiert ihr rotes Abendkleid die Bühne. 

I got my red dress on tonight, dancin´ in the dark in the pale moonlight.


Fluchtinstinkt

Ist es nicht seltsam, dass die zeitliche Distanz von nur wenigen Jahren bereits gute Freunde voneinander entfremden kann? Sobald sich die routinierte Betriebsamkeit der Bildungsmühle einstellt, schenkt man Menschen, deren Umgang man täglich pflegte, mitunter wochenlang keinen einzigen Gedanken. Kennen Sie den Fluchtinstinkt, der sich bei einem Wiedersehen manchmal einstellt, aus Verlegenheit oder Angst davor das einstige Verhältnis nicht mehr in die Gegenwart navigieren zu können? Die Erkenntnis darüber, kein Teil eines gemeinsamen Alltags mehr zu sein, kann grausam sein. Plötzlich steht man außen vor und blickt in das Innenleben eines ehemaligen Freundes nur noch mit dem diskreten Abstand mit dem man von der Straße aus in die Fenster eines Hauses blickt. Reality is hitting hard.

Small town boy in big arcade, I got addicted to a losing game.

Im Backstage treffe ich auf die Sängerin der Nachtigallen. Wie eine zweite Haut hat sie ihr rotes Abendkleid bereits abgelegt und gegen legere Straßenkleidung eingetauscht. Der Lana del Rey-Moment ist vorüber. Mit Thommie Bayer tritt die Band schon seit über zehn Jahren auf. Sie erzählt mir, dass das Buch „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“ eine Hommage an die Freundschaft zwischen dem Autor und den Nachtigallen ist.

You are safe in my heart
And my heart will go on and on.

Reading Lolita in Tehran

In den nächsten zwei Wochen höre ich mir auf Spotify zwei weitere von Bayers Büchern an. „Weißer Zug nach Süden“ und „Seltene Affären“ hinterlassen ein zerbrechliches Gefühl von Vergänglichkeit. Beide Romane erzählen von der Beziehung eines alleinstehenden Autors und seiner Putzfrau, die sich ausschließlich in Tagträumen und durch Notizen begegnen. Durch den Austausch finden beide dennoch Halt und Inspiration für ihre jeweiligen Lebenssituationen.

Jede menschliche Beziehung ist zeitlich begrenzt. Abschiede und die Illusion ungenutzter Chancen gehören wohl zu den treuesten Wegbegleitern des Lebens. Und womöglich hat die Autorin Azar Nafisi Recht, wenn sie sagt, dass wir nicht nur die Zuneigung uns liebgewonnener Menschen, sondern insbesondere und zentral uns selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserem eigenen Leben vermissen. In ihrem Roman „Reading Lolita in Tehran“ schreibt die Literaturprofessorin:

„You get a strange feeling when you´re about to leave a place, like you´ll not only miss the people you love but you´ll miss the person you are now at this time and this place, because you´ll never be this way ever again.”

Das Weinglas ist leer, die letzte Zigarette verraucht. Good night and joy be with you all.

Leseprobe

„Dennoch, dieses eine Lied an Emmis Grab erinnerte ihn an das, was sie verbunden hatte - es war eine verschenkte Gelegenheit. Sie hätten jetzt für einen Moment, einen Nachmittag lang, an diesem glücklichen Punkt ihres Lebens anknüpfen, sich ihrer Freundschaft erinnern und Emmis Rolle bei deren Entstehen würdigen können. Stattdessen spulte jeder sein Programm ab und versuchte so wenig wie möglich anwesend zu sein.“
Thommie Bayer, "Vier Arten, Die liebe zu vergessen"

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