Oktober 23, 2021

Szenenwechsel

Treten Sie ein! Die literarische Schlosskulturnacht lädt zum Flanieren ein! Zehn programmatische Leckerbissen präsentieren sich in den Sälen des historischen Ettlinger Schlosses.  

Bilder einer Ausstellung

Der von Mussorgski 1874 komponierte Klavierzyklus umfasst zehn Bilder. Die Motive vertonen Gemälde und Zeichnungen des Künstlers Victor Hartmann. Mussorgski inszenierte sein Werk als musikalischen Rundgang durch Hartmanns Ausstellung.

Bei der Literarischen Schlosskulturnacht ist der Szenenwechsel leitgebendes Motiv. In den verschiedenen Räumen von Schloss und Museum konstruieren Literatur-, Kunstschaffende und Musiker*innen ebenfalls einen Rundgang, den sich das Publikum selbst gestalten kann. Durch das Abschreiten der Säle verschwimmen Übergänge und Genres. Eine lebendige Galerie entsteht und erzeugt den Wunsch, an mehreren Orten gleichzeitig sein zu können.

Einstieg

Treppenhäuser bilden Zwischenräume. Zweckgebunden laden sie selten zum Verweilen ein. Der Ettlinger Kammerchor inszeniert sich auf der Treppe und passt die Besucher*innen ab, die in das Obergeschoss strömen. Der Aufgang öffnet sich in die darüber liegende Etage und gibt dem Sprechgesang des „Meisterchores“ Raum sich in der Architektur akustisch zu entfalten.

1. Szenenwechsel

Es gibt nur wenige Individuen, die es vermögen, die Aufmerksamkeit eines ganzen Raumes auf sich zu lenken und langfristig zu binden. Georg Schweitzer alias Schorsch hat als Entertainer und Moderator 35 Jahre Bühnenerfahrung. In einem rot leuchtenden Anzug bespielt er den Rittersaal. Er arbeitet antizipativ und macht das Publikum zu seiner Bühne. Improvisation und Situationskomik erfordern außerordentliche Reaktionsfähigkeit, sowohl von Künstler als auch Publikum. Manchen geht die Tuchfühlung nahe. Nicht jeder Scherz landet oberhalb der Gürtellinie. Dass Schorsch am Ende seiner Show die Zuschauenden trotzdem dazu animieren kann, ihre größten Wünsche niederzuschreiben und diese als Papierflieger durch den Raum zu schießen, spricht für ihn.

2. Szenenwechsel

Aus dem Spanischen lässt sich der Vorname Marisol als „die einsame Maria“ oder „Meer und Sonne“ übersetzen. Die Musik von „Me and Marisol“ klingt nach Fernweh, Haut und Schweiß. Petra Hallers dunkle Stimme wird getragen vom virtuosen Spiel von Bass und Gitarre. Gemeinsam ergießen sich Gesang und Instrumente in Rhythmen mehrsprachiger Tangos und Jazz. Unter anderen Umständen hätte das Publikum womöglich getanzt. Dass Julian Kehrers Gitarrenseite reißt, merkt dennoch keine*r.

3. Szenenwechsel

Das Duo Puchelt vereint Balladen aus vier Jahrhunderten. Europäische Folkmusik, dargeboten von Akkordeon, Gitarre und Hackbrett, kündet von Geistern, König*innen und Naturgewalten. Eingerahmt von den düsteren Gemälden Karl Hofers entfaltet das trapezförmige Seiteninstrument seine Klänge in der Städtischen Galerie. Obschon das Hackbrett seit dem 14. Jhd. in Mitteleuropa nachgewiesen ist, ist die Anzahl der professionellen Spieler*innen in Deutschland überschaubar. Sein erstes Hackbrett hat Sven Puchelt mit 12 Jahren sogar aus der DDR importieren müssen.

4. Szenenwechsel

Mit ihrer Kurzhaarfrisur erinnert Nora Gomringer ein wenig an Dorothy Parker. Das Programm von Gomringer & Scholz baut sich um die New Yorker Ikone der 1920er Jahre auf. Das Trio vertont Parkers Spott-, Liebes- und Sehnsuchtsgedichte. Gomringer liest und singt bilingual. Ihre Kollegen begleiten sie an Flügel und Schlagzeug. Scholz schlägt, sticht und streicht Becken, Drums und Glockenspiel. Die dramatische Biografie von Dorothy Parker drückt sich facettenreich auf Gomringers Gesichtslandschaft aus. Mimik und Gestik der Gruppe sind dermaßen ausdrucksstark, dass man sich wundern kann, warum Gomringer & Scholz noch keine Meme-Stars geworden sind.

Side Fact: Wussten Sie übrigens, dass Dorothy Parkers Urne sechs Jahre im Krematorium stand, weil keine*r sie beanspruchte?

Promenade

In Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ wird Hartmanns Rundgang vom Leitmotiv „Promenade“ begleitet. Das Verbindungsglied tritt wiederkehrend zwischen den einzelnen Stücken auf und erzeugt Kohärenz. In der Innenarchitektur werden den Übergängen von Räumen, von Innen- und Außenwelt, besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Türen, Klinken, Vorhänge, Treppen, Stufen, Erhöhungen und Gänge müssen so angelegt sein, dass keine Brüche entstehen. Künstlerische Zyklen wie „Bilder einer Ausstellung“ oder die Literarische Schlosskulturnacht müssen in sich gemeinsam harmonieren. Ohne Verbindungen und Übergänge würden die Werke ausschließlich in Koexistenz verharren.

Apparieren

Das Motiv des Szenewechselns ist im Theater wie auch in der Literatur ein eingängiges Motiv. Dass sich innerhalb von zwei Stunden Spielzeit ein künstlicher Spannungsbogen in einer derartigen Fülle an Erfahrungen und Gefühlen akkumuliert, vermissen wir in unserem Alltag. Wenn Mary Poppins in Kreidebilder springt oder vier kriegstraumatisierte Kinder durch einen Wandschrank in eine erdachte Parallelwelt entfliehen, wird uns die eigene Befürchtung, wir könnten etwas verpassen, vor Augen geführt. Narnia, Terabithia, die Tintenwelt oder Fantasién entspringen nebst Eskapismus auch der fundamentalen Angst nicht zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle zu sein. Die fachlich anerkannte Fear of Missing Out beschreibt eine Form des gesellschaftlichen Besorgnisses ein ungewöhnliches Erlebnis oder eine befriedigende Erfahrung zu verpassen.

Wer hätte an diesem Abend nicht gerne Potters Portschlüssel gehabt, um in alle Räume des Schlosses gleichzeitig zu apparieren? 

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