November 21, 2021

Tom Belz: Do what you can´t

Tinder-Phänomen

Das menschliche Gehirn kategorisiert innerhalb von drei Sekunden. Aus evolutionsbiologischer Sicht erhöht Schubladendenken die Überlebenschancen. Jedes Phänomen, das nicht einschätzbar ist, bedeutet eine potenzielle Gefahrenquelle.

Neurologisch gilt nach wie vor: Wir suchen innerhalb von wenigen Sekunden andere Menschen nach bestimmten Attributen ab, vergleichen diese mit unserem bereits vorhandenen Erfahrungsstand und ordnen eine Person bestimmten Kategorien zu. Wie banal die Oberflächlichkeit menschlicher Selektion sein kann, demonstrieren Dating-Apps wie Tinder.

Experiment

Stellen Sie sich einmal eine Situation in der Fußgänger*innenzone vor: Sie halten Ausschau nach einer Person, die für eine mögliche Partner- oder Freundschaft in Frage kommt. Innerhalb von Sekunden unterwirft nun das Gehirn die umhereilenden Menschen dem Selektionsverfahren, das über Sympathien und Antipathien entscheidet und wer es wert ist, näher kennengelernt zu werden. Sowohl eine begrenzte Lebenszeit, die verhindert sich persönlich mit jedem in der Zone anwesenden Individuum auseinanderzusetzen, als auch die Erwartungshaltung, die sich aus der personalen Kategorisierung speist, können unsere zukünftige Beziehungen bestimmen. Wie soll die Partner*innensuche dann bloß global funktionieren? Schließlich verliebt sich alle 11 Minuten eine Person über Parship.

Trigger-Warnung

Die kognitive Fähigkeit Entitäten anhand von Klassifizierungen, Einteilungen und Normierungen zu ordnen, ist evolutionsbiologisch angelegt. Perfide ist, wenn sich daraus Klassen, Be- und Verurteilungen und gesellschaftliche Normen konstruieren. Stereotype, Objektifizierung, Diskriminierungen und Rassismen treten auf, wenn Betroffene vornehmlich oder ausschließlich auf wenige oder ein ihnen eigenes Merkmal reduziert und darüber definiert werden. Die anthropologische Geschichte hat aufgrund von kulturellen Hegemonien, Klassen- und Rassenlehren alle Arten von interpersonaler und struktureller Gewalt, von Mobbing bis Genozid, erlebt.  

Do what you can´t

Autor Tom Belz ist 35 Jahre alt und stellt im Rahmen der Literaturtage sein Debütroman „Do what you can´t“ vor. Der Influencer ist Bergsteiger, Markenbotschafter von Jack Wolfskin und arbeitet als Sozialassistent in einer Tagesförderstätte für Menschen mit Mehrfachbehinderungen. 2018 hat der Hesse das Kilimandscharo-Massiv in Tansania bestiegen. Die Besteigung des größten freistehenden Vulkans der Erde ist aufgrund des geringen Sauerstoffpartialdrucks und vertikal abfallender Temperaturen, trotz technischer Einfachheit, anspruchsvoll. Zwischen Fuß und Bergspitze können Temperaturunterschiede von 50 C° bestehen. Jährlich sterben mehrere Dutzend Menschen beim Aufstieg oder erleiden gesundheitliche Folgeschäden. Dass die tansanische Regierung Pläne für den Bau einer Seilbahn angekündigt hat, ist sowohl aus medizinischer als auch ökologischer Sicht fragwürdig.

Die Besteigung des Kibo, dem höchsten und einzigen noch wenig vergletscherten Gipfel im Massiv, hat Belz innerhalb von sieben Tagen erfolgreich absolviert. Die Dokumentation des Aufstiegs stieß auf großes mediales Interesse und wurde bei den European Outdoor Film Tour 2018/2019 präsentiert. Grund dafür ist auch Belz´ Biografie. Dem Bergsteiger wurde mit neun Jahren das linke Bein amputiert.

Krebs

Wie sagt man einem Kind, das es Krebs hat? Belz erzählt von Haarausfall, Chemotherapie und der Machtlosigkeit der eigenen Eltern. Von Wut, die sich insbesondere gegen die Mutter richtet und von einem sich ausbreitenden Tumoren, der den Knochen zerfrisst. „Wenn wir dir wehtun dürfen, dann darfst du auch mir wehtun“, bietet eine Ärztin nüchtern an, als sich Belz der ersten Blutabnahme verwehrt. Die Frau entblößt ihren Arm und lässt den Jungen willkürlich Nadeln injizieren. Am Vorabend der Operation entschuldigt sich Belz bei seinem Bein.

In Abwesenheit

Seit der Amputation suggerieren Belz viele Menschen Dinge, die er nicht mehr kann. Man schloss ihn vom Sportunterricht aus, bietet ihm den Fahrstuhl an und Freund*innen mussten ihn auf Geheiß ihrer Eltern bedienen. Noch heute zupfen Kinder im Supermarkt an den Jackenärmeln ihrer Eltern und weisen flüsternd auf die Stelle des fehlenden Beins.

„Nie wieder darf mich jemand in eine Schublade stecken oder mich auf mein Bein reduzieren. Ich will nicht mehr bevormundet oder in Watte eingepackt werden“, konstatiert Belz. Als Jugendlicher fing er deshalb wieder an Fußball zu spielen, fuhr BMX und spielte Schlagzeug in verschiedenen Bands. Tom surft, taucht, bouldert und wird bald zum ersten Mal Fallschirmspringen. Auch wenn er sich bewusst gegen eine Prothese entschieden hat: Wieso sollten wir ihn auf die Abwesenheit (!) eines Beines reduzieren?

Normal sein

In der Realität gibt es keine scharfen Abgrenzungen zwischen Phänomenen. Kategorisierungen treten in fließenden Übergängen auf. Weder die Einteilung der Natur in Klima- und Vegetationszonen noch die Annahme, dass Kulturräume scharf voneinander abgrenzbar seien, lässt sich auf den zweiten Blick logisch erklären. Auch das allgemein unkritische Abgleichen von Phänomenen mit einer Normalität, die durch ein kollektives Mittelmaß bestimmt wird, das kein Individuum einer Gesellschaft jemals erfüllt, erscheint trivial: „das normale und das kranke Kind“, „normal aussehen“, ein „normales Leben führen“.

Food for thought

Leider werden die Rechte, die Förderung und der Schutz von Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen in verschiedenen Gesellschaften und Ländern deutlich unterschiedlich priorisiert. Diskriminierungen und Privilegien verlaufen intersektional. Dass die Anerkennung von Minderheiten wieder über Kategorisierungen funktioniert, und diese dadurch wieder reproduziert werden, ist ein Paradoxon in sich selbst.

Wie sind die Geschichten von all jenen, die den Krebs nicht besiegt haben? Muss man auf den Kilimandscharo gestiegen sein, um gehört zu werden? Belz sagt: „Jede*r hat seinen eigenen Kilimandscharo.“ Jeder Mensch hat Geschichten zu erzählen. Wir hören bloß zu selten zu.

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