August 24, 2021

AMG Literatur- und Theaterkurs: Zwischenräume

Dass eine Raumerfahrung maßgeblich vom erlebenden Individuum abhängt, zeigen die Kurzgeschichten der acht jungen Frauen vom Albertus-Magnus-Gymnasium. 

An sieben unterschiedlichen Plätzen in der Ettlinger Innenstadt können via Smartphone Audio-Dateien abgerufen werden, die die Schülerinnen bereits vor Beginn der Literaturtage aufgenommen und auf einer Website platziert haben.

Audio-Walk: AMG Literatur- und Theaterkurs

Für ihre „Literatour“ haben die Gymnasiastinnen Zwischenräume entworfen, die sich an Straßenecken und Hausfassaden, in Kellern und Gängen eröffnen. Dabei beschreiben und vertonen sie sensorische Sinneseindrücke, die sie mit Assoziationen und Erinnerungen verknüpfen, die einzigartige (!) Raumatmosphären erschaffen. Will heißen, dass diese nie wieder von niemand anderem auf die gleiche Art und Weise nachempfunden werden können. Ob man sich allein oder in Begleitung in einem bestimmten Raum aufhält, an welcher Position, zu welchem Zeitpunkt oder mit welcher emotionalen und geistigen Verfassung hat einen großen Einfluss auf die individuelle Raumerfahrung.

Physik der Gegenwart

Jede Handlung obliegt einem Raum-Zeit Kontinuum. Dort, wo in einem Koordinatensystem Raum- und Zeitachse aufeinandertreffen, findet ein punktuelles Ereignis statt, das im linearen Zeitverständnis westlicher Zivilisation einmalig ist. Neben der begrenzten Anzahl an sprachlichen Ausdrucksformen und Worten, um ein solches Ereignis zu beschreiben, besteht die Komplexität darin, dass die Momentaufnahme einer gegenwärtigen Situation bereits vergangen ist, sobald ich versuche sie bewusst zu verinnerlichen. Die erste Erkenntnis, die sich daraus ergibt, ist, dass die Gegenwart nicht existiert, sondern lediglich das unmittelbare Abbild eines soeben vergangenen Moments. Der Weg von unseren sensorischen Sinnesorganen über neuronale Bahnen ins Gehirn ist weit. Die zweite Erkenntnis ergibt sich wie folgt: Keine Raumatmosphäre und keine Handlung, keine Interaktion und kein Gespräch können auf die gleiche Art und Weise noch einmal erlebt werden.

Die Grenzen menschlicher Kreativität

Bedeutsam ist, dass jedem Text, ob journalistischer, fiktiver oder autobiografischer Natur, die physikalischen Gesetze von Raum und Zeit zugrunde liegen. Eine schreibende Person ermächtigt sich diesem Gefüge, indem sie zeitliche und örtliche Rahmenbedingungen wiedergibt und Erzählräume konstruiert. In den Worten, die ein*e Autor*in wählt, den Fokussen und Settings, spiegeln sich unabhängig von der beschriebenen Handlung eigene Erfahrungen wider. Nur jenes, was eine schreibende Person bewusst wahrnehmen kann, vermag sie auch in Worte zu fassen. Auch Imagination, und Kreativität obliegen der Interpretationsfähigkeit eines Menschen, die nicht grenzenlos ist. Ähnlich wie Träume, zehrt die Vorstellungskraft vor allem von Erinnerungen. Unser Verständnis von einer Situation oder Handlung wird permanent mit unseren persönlichen biografischen Erfahrungen abgeglichen. Diese bilden die Grundlage des erzählerischen Entwerfens von Raumatmosphären und szenischen Handlungsräumen.

Erinnerungs-
räume

„Wir fragen uns, was hat uns damals an diesem Haus, in dieser Stadt gefallen, beeindruckt, berührt – und warum? Wie war der Raum, der Platz beschaffen, wie hat er ausgesehen, welcher Geruch lag in der Luft, wie haben meine Schritte in ihm geklungen, wie hat meine Stimme in ihm getönt, wie haben sich der Boden unter meinen Füßen, die Türklinke in meiner Hand angefühlt, wie war das Licht auf den Fassaden, der Glanz auf den Wänden? War da ein Gefühl von Enge oder Weite, von Intimität oder Größe?“
Peter Zumthor, Schweizer Architekt

Construction Site

Der Versuch eine bestimmte Wirkungsqualität von Räumen zu erschaffen, ob architektonisch oder erzählerisch, ist laut Peter Zumthor Forschungs- und Erinnerungsarbeit zugleich. Die Komposition und Präsenz der Materialien, der Umgang mit Proportionen, Farbigkeit und Oberflächen sind genauso wichtig für das Entwerfen einer Raumatmosphäre wie Geräusche und Gerüche, Temperaturen, Feuchtigkeitsgrad oder die Wirkung von Licht und Schatten, die sich im Verlauf von Tages- und Jahreszeiten permanent verändern. Dieser Prozess ist noch deutlicher in natürlichen Räumen erlebbar. Kein Garten, keine Gletscherspalte oder Tropfsteinhöhle wird an zwei aufeinanderfolgenden Tagen eine absolut identische Raumatmosphäre erzeugen.

Raumerfahrung in Ettlingen

Der interaktive Audio-Walk des Kurses Literatur und Theater am AMG erfüllt nicht nur das Motto der diesjährigen Literaturtage „Hör mal!“, sondern lädt bis Dezember ein, eigene Erinnerungsarbeit auf einem Rundgang durch die Albstadt zu leisten. 

Macht uns die Erkenntnis, dass die Qualität einer sensorischen und emotionalen Raumerfahrung niemals durch einen Instagram-Post teilbar oder nachempfindbar gemacht werden kann, nun eigentlich individueller oder einsamer?

Anouk Mohrenweiser: Musikschule

„Ein paar Räume weiter hörst du eine Caprice von Paganini, von deren Virtuosität du mitgerissen wirst. Die schnellen Noten fließen in einem Fluss voller Stromschnellen, die perfekt aufeinander abgestimmt sind und du fühlst dich, als würdest du in einem Boot sitzen, das in Erwartung eines Abenteuers in diesen Fluss geworfen wird. Die Töne rauschen an dir vorbei und du befindest dich in einem Strudel, der dich in die Tiefen des Stückes hineinzieht.“

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